Über Stock und Stein zum neuen Rollstuhl

Fine braucht einen neuen Rollstuhl – warum das nicht so einfach ist, wie es sein sollte
Fine soll einen neuen Rollstuhl bekommen. Der erste ist schon länger zu klein, aber die Krankenkasse konnte dem nicht zustimmen. Wenn das Kind den Rollstuhl noch keine zwei Jahre hatte, darf er auch nicht zu klein sein. Ist er aber. Obwohl wir ihn damals zu groß bestellt haben, extra um ihn längere Zeit nutzen zu können. So saß Fine am Anfang nicht gut darin, dazwischen passte er ganz gut und nun seit Langem wieder nicht. Wir haben also eine Zeit abgewartet und kürzlich erneut eine Rollstuhlversorgung beantragt. Wieder wurde abgelehnt. Warum benötigt das Kind schon einen neuen Rollstuhl?
Warum braucht das Kind schon wieder einen neuen Rollstuhl?
Dazu ist eine ausführliche ärztliche Stellungnahme nötig. Im Ernst? Bei einem Kind im Wachstum mit schwerer Skoliose ist eine ausführliche ärztliche Stellungnahme nötig? Von eben jener Ärztin, die ja bereits das Rezept ausgestellt hat?

Liebe Krankenkasse, euch ist schon klar, dass ihr diese Stellungnahme zahlt? Dass es zu wenig Ärzte gibt und diese mehr als überlastet sind? Kein Wunder, möchte ich meinen, wenn sie dermaßen unnötiger Arbeit nachgehen müssen. Bei Kassen hörte ich ebenso von Fachkräftemangel und Überlastung. Hm… merkt ihr selber, oder?
Die Hilfsmittel sind teuer
Dabei trat übrigens im März dieses Jahres das Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetz in Kraft, welches unter anderem dafür sorgt, dass Verordnungen, die von ÄrztInnen eines Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) ausgestellt wurden, als erforderlich vermutet und damit nicht mehr hinterfragt werden müssen. Fine ist aber privat versichert und private Kassen müssen sich natürlich nicht an gesetzliche Regelungen halten. Ebenso wie bei Zweitversorgungen für Schulen oder Kitas. Wir haben die Therapiestühle und Liegen als Zweitversorgung selbst zahlen müssen, manchmal gab es aus Kulanz die Hälfte dazu. Danke dafür. Bei Therapiestühlen sprechen wir von Beträgen zwischen 3500 und 5000 Euro, bei Liegen bis zu 8000 Euro.
Hier ist es jetzt so, dass die Krankenkasse nach Einreichen der ausführlichen ärztlichen Stellungnahme den Rollstuhl übernimmt. Sogar die Schiebe- und Lenkhilfe übernehmen sie, obwohl sie es nicht regulär müssten. Was?? Das heißt, Fine müsste sonst immer stehen bleiben, denn alleine kann sie sich auch mit Rollstuhl nicht fortbewegen und wir könnten sie nicht schieben, weil es keinen Griff gäbe?! Ganz ehrlich, wir haben echte Probleme. Und dann kommen die Kassen um die Ecke und wir fühlen uns wie am 1. April. Das ganze Jahr. Und uns kommen die Tränen – nicht vor Lachen. Ich verallgemeinere gerade, weil mir immer wieder Erfahrungen wie diese zu Ohren kommen. Ich spreche oft mit Eltern, die sich ebenfalls regelmäßig schikaniert fühlen. Die neben den Erkrankungen oder Behinderungen ihrer Kinder Kämpfe ausfechten müssen, die Kraft kosten, die eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Einfach nur traurig.
Aber wo war ich stehen geblieben? Stimmt, die Lenk- und Schiebehilfe gibt’s ja dazu, danke! Was es jedoch nicht dazu gibt, ist das Kraftknotensystem. Dieses sorgt mit Adapterplatten und Rückhaltegurten am Rolli dafür, dass bei mobilen Transporten ein möglicher Aufprall abgemildert wird. Ohne dieses System nehmen die Schulbusse die Kinder nicht mit, da eine Fahrt ohne dieses System zu gefährlich ist. Manchen Kassen ist das egal, sie sehen Sicherheit nicht als ihren Auftrag.
Wer stattdessen dafür sorgen soll, ist dann das Amt für Soziales mit dem Bildungs- und Teilhabepaket. Auch hier sind meine Erfahrungen allerdings nicht unbedingt Entscheidungen, die dem Kind zugewandt sind. Denn als ich mich seinerzeit nach einem Zuschuss für den Einbau einer Rampe für unser Fahrzeug erkundigte, sagt man mir, dass meine Tochter ja mit dem Bus zur Schule fahre. Ich war völlig baff und erwiderte, dass das Leben ja nicht nur aus Schulbesuchen bestehe. Die Dame am anderen Ende der Leitung befand das allerdings als genügende Teilhabe und war nicht der Meinung, dass hier ein Zuschuss gerechtfertigt sei. Ein anderer Mitarbeiter, bei dem ich mein Glück später versucht habe meinte, ich müsse drei Kostenvoranschläge einreichen, die dann geprüft werden würden. Auf meine Frage hin, wie das bei einem Gebrauchtwagen zu händeln sei, bei dem ja unter Umständen schnell entschieden werden muss, gab es keine zufriedenstellende Alternative. Wir haben schließlich aufgegeben und privat gezahlt. Wie so oft. Um Kraft zu sparen.
Naja, auf jeden Fall gibt’s dieses Kraftknotensystem auch diesmal nicht kampflos dazu.
Und ein Schlupfsack, der bei angepasster Sitzschale nötig ist, weil man ja nicht einfach eine Jacke und eine Decke in eine extra angefertigte Form quetschen kann gibt’s auch nicht dazu. Kostet über 1000 Euro, da er mit Ober- und Unterteil extra angefertigt werden muss. Diese Kosten als Krankenkasse nicht zu übernehmen ist ein Hohn, beachtet man außerdem, dass Fine ihre Temperatur schon in geschlossenen Räumen nicht ohne wärmende Hilfen halten kann.
Aber im Grunde ist es ja egal, Fine kann ohne Kraftknotensystem so wie so die Schule nicht besuchen. Und ein Leben neben Bildung gibt’s für unsere Tochter nicht. Zu Hause wird unsere kleine Streberin schon nicht erfrieren.
So long, wir melden uns im Sommer wieder 😉
